1. Türchen

Endlich ist es so weit! Heute ist der erste Dezember und wenn ihr diese Worte lest, dann habt ihr das erste Türchen unseres Aktivismus-Adventskalenders bereits geöffnet. Herzlich Willkommen, wir freuen uns über jeden Menschen der dabei ist. Über den ganzen Adventskalender hinweg wollen wir eine kleine Verlosung mit Ihnen/euch machen. Dazu erfahren Sie/erfahrt ihr mehr weiter unten auf der Seite, am Ende des Beitrags.

 

Gleich am ersten Tag starten wir mit einem ganz aktuellen Thema: Dem Dannenröder Wald. Bestimmt haben Sie/habt ihr davon schon Bilder in den Nachrichten gesehen oder zumindest mal davon gehört. Kurz gesagt: Der Danni soll einer neuen Autobahn (A49) weichen.
Derzeit sind viele Menschen vor Ort und auch überall in Deutschland laut und aktiv, die das nicht einfach so geschehen lassen wollen.

 

 

Eine Aktivistin, die schon längere Zeit vor Ort aktiv ist, hat in einem Brief an die Öffentlichkeit sehr klare Worte zu der Situation gefunden und und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf wie jede/jeder etwas an der Situation ändern kann. Diesen Brief haben wir Ihnen/euch hier zur Verfügung gestellt:

Lieber Mensch!

Ich schreibe dir aus einem Gefühl der Traurigkeit und der Wut, der Hoffnung und der Leidenschaft, der Angst, der Liebe und der Verletztheit. Ich würde dir gerne persönlicher schreiben und meine Worte besser an dich und unsere Beziehung anpassen, aber dazu fehlen mir gerade die Zeit und die Kraft. Ich hoffe, du fühlst dich trotzdem angesprochen.

Vielleicht weißt du, dass mein Zuhause gerade ein wunderschöner Wald in der Mitte von Hessen ist, der abgeholzt werden soll. Der Dannenröder Wald ist ein 300 Jahre alter Mischwald, Lebensraum für unzählige Lebewesen und außerdem in einem Trinkwasserschutzgebiet. Ich werde an der Stelle nicht weiter auf die Bedeutung eines solchen Waldes für das Leben auf der Erde, vor allem im Hinblick auf den Klimawandel schreiben, weil das Informationen sind, die leicht zugänglich sind und dir vielleicht schon bekannt. Ich möchte von den letzten Wochen erzählen, und was diese Zeit in mir und um mich bewegt hat.

Der Danni ist seit 6 Monaten der Ort, an dem mein Alltag stattfindet, meine Beziehungen, meine Diskussionen, meine Pläne, Träume, Handlungen. Die Autobahn, die hier gebaut werden soll, wäre nach heutigem Recht nicht mal mehr legal, aber ein Gericht hat entschieden, dass zwingende öffentliche Interessen den Bau legitimieren. Ich bin hier, weil ich nicht zusehen will, wie die von Kapitalinteressen (größter Profiteur der Autobahn: Süßwarenhersteller Ferrero, ansässig in Stadtallendorf) geleitete Politik Entscheidungen trifft, die unsere Lebensgrundlage zerstören. Der Protest hier ist lebendig, kreativ, leidenschaftlich, stark, divers. Hier kämpfen Fridays for Future Aktivist*innen und Autonome Seite an Seite mit NGOs und Bürger*innen der Bürger*inneninitiativen vor Ort, die teilweise schon seit 40 Jahren Widerstand gegen die Autobahn leisten. Mehrere Monate durften wir hier ausprobieren, wie es ist in einem Wald zu wohnen, in einer solidarischen, tauschlogikfreien (kein Mensch muss etwas geben, um zu bekommen, was er braucht), möglichst hierarchielosen Gemeinschaft zu leben, wie wir uns außerhalb des Konsumkarussells versorgen können, wie wir Beziehungen aufbauen können, die uns durch eine Zeit tragen, in der wir nicht wissen, wie lange unser Zuhause noch existiert, und in der wir non-stop mit der Absurdität des Systems konfrontiert sind. Ich habe mich hier lange sicher und wohl gefühlt, aber seit dem Sommer wird unser Zusammenleben massiv vonseiten der Polizei eingeschränkt. Während die Besetzung im Danni immer größer wurde, fingen am 1. Oktober die Rodungen im Herrenwald an, einem Wald, der nur durch eine Bundesstraße vom Danni getrennt ist und von uns nicht so stark besetzt war. Einen Monat lang haben wir versucht, den Herri mit unseren Körpern zu verteidigen; in einem riesigen Tempo sind Strukturen entstanden, jeden Morgen haben sich Menschen spontan in die Bäume gesetzt und sich daraus räumen lassen. Einen Monat lang habe ich zusehen müssen, wie Baum für Baum gefallen ist, wie eine riesige Schneise der Zerstörung im Herri entstanden ist. Die Menschen, die sich hier für den Wald einsetzen, werden aufs härteste kriminalisiert. Ich habe an meinem eigenen Körper die physische und systemische Gewalt vonseiten der Polizei und des sogenannten Rechtsstaats erfahren. Wer seine Personalien nicht angibt (egal, ob bei einer grundlosen Personalienkontrolle, einer Ordnungswidrigkeit oder einer Straftat), kommt in die GeSa (Gefangenensammelstelle). Dort müssen wir uns komplett ausziehen und durchsuchen lassen. Oft müssen Menschen stundenlang in Zellen oder Gefangenentransportern ausharren und werden nicht auf die Toilette gelassen, bekommen kein Wasser oder eine Decke. Wer nicht kooperiert, also freiwillig den Wald verlässt, bekommt die Schmerzgriffe der Polizei zu spüren. Ein Polizist hat mir gedroht, mein Handgelenk zu brechen, wenn ich nicht selber laufe. Menschen sitzen im Gefängnis, einfach weil sie dem Staat auf die Nerven gehen und zeigen, dass sie die Praxis der Zerstörung nicht ungestört geschehen lassen.

Es macht mich unglaublich wütend, dass die Menschen, die in der Gesellschaft als „Freund und Helfer“ angesehen werden, blind Befehle befolgen, aber dabei eben keine neutrale, rein „ausführende“ (was schon schlimm genug wäre) Position beziehen, sondern aktiv physische und psychische Gewalt anwenden, um uns zu schikanieren, zu kriminalisieren, zu brechen.

Die letzten Wochen waren für mich unglaublich anstrengend. Der Kampf, den wir bis hier hin gekämpft haben, hat viele Früchte getragen. Die Themen Verkehrswende und Dannenröder Wald sind in den Diskurs rund um den Klimawandel vorgerückt. Aber auf einer emotionalen Ebene, auf der jeder gefällte Baum ein Verlust ist, war es ein Rückzugskampf, bei dem wir so viele unserer Gefährten verloren haben.

In der letzten Woche haben uns die Castor Transporte eine Pause verschafft. Ich habe den wunderschönen Herbstwald genossen, mich wieder sicher gefühlt, mich mit Menschen über die Erlebnisse der letzten Wochen ausgetauscht, nochmal ganz intensiv gespürt, warum ich hier bin.

Ich hatte wirklich gehofft, dass wir es schaffen, den Wald zu retten. Aber ab nächster Woche fangen die Räumung und Rodung im Dannenröder Wald an. Ein riesiges Verbrechen an der Natur, an uns selbst. Ich habe große Angst, vor dem was kommt. Ich habe Angst vor der Gewalt, vor den Repressionen. Ich habe Angst um die körperliche und seelische Gesundheit meiner Freund*innen. Ich habe Angst um den Siebenschläfer, der bei uns im Baumhaus wohnt und der sein Zuhause und vielleicht auch sein Leben verlieren wird. Ich habe Angst vor dem Gefühl der Machtlosigkeit. Aber ich weiß, dass das hier gerade der beste Ort ist, an dem ich sein kann. Ich werde den Wald verteidigen, mit ganzem Herzen, so lange und gut ich kann. Und ich möchte dich einladen, das auch zu tun.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich dem Protest anzuschließen:

→ Du kannst Menschen davon erzählen, die Debatte vorantreiben und Menschen für den Wald begeistern.

→ Du kannst diese Petition unterschreiben: https://act.greenpeace.de/danni-bleibt/

→ Du kannst uns Material spenden, dafür z.B. in Kletterhallen nachfragen, ob sie ausrangiertes Klettermaterial spenden wollen.

→ Du kannst uns Geld spenden:

Konto: Spenden und Aktionen
IBAN: DE29 5139 0000 0092 8818 06
BIC: VB-MH-DE5FXXX
Bank: Volksbank Mittelhessen
Verwendungszweck: keine A49

→ Und vor allem kannst du vorbeikommen. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, sich vor Ort einzubringen. Das muss nicht unbedingt Polizeikontakt beinhalten. Es gibt eine Küfa (Küche für alle), die sich immer über helfende Hände freut, es gibt legale Demonstrationen, es gibt viele organisatorische Aufgaben, die übernommen werden möchten, es gibt Bau-Aufgaben im Wald,… Wenn du dir vorstellen kannst, dich räumen zu lassen, ist vielleicht wichtig zu wissen, dass es keine Straftat, sondern nur eine Ordnungswidrigkeit ist, einen Baum/Plattform etc. nicht auf Aufforderung der Polizei zu verlassen. Nach oben hin ist das Aktionslevel offen. Es gibt ein Camp vor dem Wald, wo du schlafen kannst.

Jeder Mensch, der sich einbringt, verstärkt den Druck auf die Politik und erhöht die Chance, dass wir gehört und einbezogen werden in zukünftige Entscheidungen.

Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Wenn wir das Unrecht geschehen lassen, ohne uns zu wehren, wird es unbeachtete Normalität.

 

 

Weihnachts-Verlosung:

Das kleine Gewinnspiel haben wir in Kooperation mit dem Weltladen Greifswald organisiert und hier erfahren Sie/erfahrt ihr, wie ihr mitmachen könnt:
Sie können/ihr könnt ein Bild,eine kurze Videobotschaft oder was Ihnen/euch sonst noch kreatives einfällt zu einem Tag oder einer bestimmten Aktion dieses Adventskalenders machen, bei der Sie sich/ihr euch eingebracht, teil genommen oder eigene Ideen entwickelt haben/-t. Die Bilder können auf Instagram unter dem Hashtag #adventmitzukunft und/oder #thelastchristmas und mit uns darauf markiert gepostet werden oder Sie schicken/ihr schickt uns die Bilder per Mail an info@bildung-verquer.de. Wir wünschen Ihnen und euch viel Erfolg!

 

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